We will rise – Refugee Protest March

Refugee Protest March

Um Freiheit zu erreichen, darf der Mensch nicht in Reih und Glied stehen, sondern muss die Reihe durchbrechen

Ihr, all die Asylsuchenden, die unter unmenschlichen Bedingungen in Deutschland leben und zuschauen wie euer Leben und das eurer Kinder einen langsamen Tod entgegen gehen, ihr, die wie Gefangene in Lagern gehalten werdet, im Angesicht all der diskriminierenden Bedingungen, die euch zu Bürgern zweiter Klasse machen, ihr, die jeden Moment die Abschiebung fürchtet, ihr, die auf der untersten Stufe einer ungerechten Gesellschaft steht und all ihr Gewicht auf euren Schultern tragt, -während ihr der grausamen und unmenschlichen Residenzpflicht gehorchen müsst: JETZT ist die Zeit gekommen, gegen all das aufzustehen.

JETZT ist die Zeit aufzustehen, weil wir nicht länger passiv Zeugen des Todes eines von uns sein möchten, denn die unmenschliche Behandlung der Asylbewerber in Deutschland kann jeden von uns in den Tod treiben.

Die Asylbewerberproteste begannen am 19. März 2012 in Würzburg und haben Asylbewerber in vielen anderen Städten dazu inspiriert, ebenfalls aufzustehen. Nun, 5 Monate später, ist die Bewegung, gestärkt durch die Hartnäckigkeit und den Widerstand der Flüchtlinge, bereit, einen nächsten, viel größeren Schritt zu tun.

Wir werden keine Gesetze respektieren, die uns nicht als Menschen respektieren.

Die streikenden Flüchtlinge in ganz Deutschland, die einen starken und koordinierten gemeinsamen Protest begonnen haben, haben beschlossen am 8. September eine neue Aktion zu starten: Ab diesem Tag werden Asylsuchende auf 2 verschiedenen Routen nach Berlin marschieren um dort der deutschen Regierung zu zeigen, dass auf jede Anwendung des unmenschlichen Abschiebegesetzes eine Reaktion der Bewegung folgen wird. Die Flüchtlinge werden lauter schreien denn je, sie werden ihren Kampf weiterführen, bis die Lager mit ihren katastrophalen Bedingungen geschlossen werden. Mit der Versammlung in Berlin werden die Flüchtlinge aktiv gegen die diskriminierende Residenzpflicht verstoßen, die sie zwingt, sich in einem bestimmten Bereich aufzuhalten.

Diese gut koordinierte Aktion wird allein von Asylsuchenden selbst organisiert und ist unabhängig von jeglichen politischen Parteien oder Gruppen.

Wie oben erwähnt, wird der Marsch nach Berlin gleichzeitig auf 2 verschiedenen Routen stattfinden: Auf der einen werden Flüchtlinge von Würzburg nach Berlin marschieren. Die andere führt mit Transportmitteln über die Flüchtlingslager Westdeutschlands. Beide Gruppen werden gleichzeitig in Berlin ankommen und dort zusammentreffen. Diese Aktion wird zunächst von Asylbewerbern aus Bayern und Baden-Württemberg ausgehen, wird sich aber nicht auf diese beiden Bundesländer beschränken. Alle Asylbewerber die in Lagern oder Städten auf dem Weg nach Berlin leben, werden besucht und eingeladen, am Protest teilzunehmen.

Wir rufen alle Flüchtlinge auf, die wie wir diese unmenschlichen Lebensbedingungen nicht mehr ertragen und auf verschiedenste Art dagegen gekämpft haben, sich uns anzuschließen. So können wir mit vereinten Kräften die jahrzehntelangen Kämpfe um menschenwürdige Asylrechte zu ihrem langersehnten Ziel zu führen.

In Berlin werden wir solidarisch Hand in Hand nochmals unsere berechtigten Forderungen vortragen:

- Abschaffung aller Flüchtlingslager in Deutschland

- Abschaffung der Abschiebegesetze. Abschiebung ist unmenschlich und dient nur den politischen und ökonomischen Interessen der Mächtigen

- Abschaffung der Residenzpflicht

An alle Asylbewerber, Flüchtlinge und Immigranten in Deutschland:

Wir alle haben unsere Länder aus verschiedensten Gründen verlassen und kamen in dieses Land in der Hoffnung auf ein besseres und sicheres Leben. Die meisten von uns haben Tausende von Kilometern zurückgelegt, haben dabei alle möglichen Qualen, Gefahren und viel Leid ertragen. Wir haben das alles in Kauf genommen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Nun ist es vielleicht an der Zeit, dieselben Schuhe anzuziehen, die wir auch auf unserer Flucht getragen haben. Nun ist es vielleicht an der Zeit noch ein paar mehr Kilometer zu laufen, diesmal aber nicht alleine, sondern alle gemeinsam für eine bessere Welt.

An die Asylbewerber der südlichen Bundesländer: Am 8. September werden wir uns alle in Würzburg treffen und wir freuen uns über jeden Einzelnen, der uns begleitet.

An die Asylbewerber der anderen Bundesländer, die unser Anliegen teilen: Wir werden unser Bestes geben, zu euren Lagern zu kommen um mit euch gemeinsam nach Berlin zu reisen.

Für weitere Informationen:

Süd- und Ostdeutschland
Ashkan.Khorasani@gmail.com
Tel. 0176 – 798 379 11

Nord- und Westdeutschland
cheislive@gmail.com
Tel. 0176 – 693 810 85

Das Organisationskommitee der streikenden Asylbewerber in Deutschland

Auf refugeetentaction.net ist der Aufruf auch in anderen Sprachen zu finden.
To find the call in other languages please check out refugeetentaction.net.

Beschwerde der Abgelehnten von Choucha März/April 2012

Zu Beginn möchten wir dem UNHCR Management Team, allen NGOs und unserer Gastgeberin, der tunesischen Regierung, für ihre Geduld und ihre Bemühungen bezüglich unserer Notlage seit unserer Ankunft aus Libyen danken.
Wir sind aus Libyen geflohen, welches zum Zeitpunkt unserer Flucht ein Kriegsschauplatz war und wo die meisten von uns jahrelang gelebt und gearbeitet hatten. Unglücklicherweise änderten sich die Umstände und so finden wir uns selbst nun schon seit einem Jahr an der libysch-tunesischen Grenze ohne jegliche Perspektive gestrandet. Die Lebensbedingungen der Wüste machen uns schwer zu schaffen und schlimmer noch ist es an diesem Ort, seit wir erfahren haben, dass es keine weiterführende Lösung für unsere Krise gibt. Die klimatischen Bedingungen sind schrecklich. Diejenigen unter uns, die im Camp eine endgültige Ablehnung erhalten haben, werden mit nichts als dem nährstoffarmen Essen versorgt. Schon seit fünf Monaten erhalten wir keine Hygieneartikel mehr. Am schlimmsten ist jedoch, dass es ohne ein Flüchtlingszertifikat keine medizinische Versorgung für uns gibt.
Das Interviewverfahren lässt uns sehr zweifeln; zu viele komplizierte Fehler wurden während und nach dem Prozess des Interviews begangen. Die schriftlichen Einsprüche, die wir einreichten, wurden nicht ausreichend studiert, um herauszufinden, ob wir für den Schutz des UNHCR qualifiziert sind oder nicht. Die Mechanismen vor Ort sind perfekt, während es am Management mangelt. Wir mussten Fälle von inkompetenten Übersetzern erleben. Zudem wurde über einige Communities auf generelle Weise entschieden, ungeachtet der individuellen Verfolgung, die Einzelne in ihrem Heimatland fürchten. Die meisten Westafrikaner wurden schlicht aufgrund ihrer Herkunftsländer abgelehnt.
Am Mittwoch, den 12. September 2011 besuchte der nigerianische Botschafter in Tunesien das Camp. Er hatte ein Treffen mit dem Protection Team des UNHCR und sah die meisten der UNHCR-Akten.
Später rief er alle Nigerianer im Camp und erklärte ihnen, dass sie Lügner seien und dass die Regierung bei ihrer Rückkehr nach Nigeria gerichtlich gegen sie vorgehen würde. Nach diesem Besuch erhielten alle nigerianischen Flüchtlinge endgültige Ablehnungen vom UNHCR. Dies ist unsere Notlage.
Die meisten von uns sind aufgrund politischer und religiöser Gründe aus unseren Herkunftsregionen geflohen. Wir beklagen, dass die letzten drei Möglichkeiten, welche der UNHCR den abgelehnten Flüchtlingen anbietet, alle zu extrem sind, als dass eine von ihnen für uns eine echte Option wäre.
– Rückkehr in das Herkunftsland: Wenn eine Rückkehr für uns eine sichere Alternative darstellen würde, hätte niemand von uns ein komplettes Jahr in der Wüste verschwendet.
– Rückkehr nach Libyen: Im Moment sind die Umstände in Libyen hart und nicht sicher.
– Wir stehen schon unter den tunesischen Migrationsgesetzen und können selbst nichts unternehmen bis wir Anwälte haben und einen Grund, um in Tunesien zu bleiben.
Wir fordern die Wiederaufnahme unserer Fälle durch das UNHCR Protection Team. Die Anzahl der Flüchtlinge, die endgültig abgelehnt wurden, beträgt 298 Personen. Diese Beschwerde kommt von ihnen allen. Wir benötigen ein Einschreiten des Internationalen Kommitees. Unter den abgelehnten Communities befinden sich Menschen aus der Elfenbeinküste, Liberia, Sierra Leone, dem Tschad und Sudan, die schon früher die schlechten Übersetzungen durch Angehörige der Gegenparteien beklagt hatten.

Reaktion auf LVZ-Artikel vom 31.03.

Am 31.03. berichtete die LVZ, dass der Polizeieinsatz in der Sammelunterkunft für Asylbewerber_innen in Thräna am 28.03. keineswegs “fragwürdig” sei. Außerdem wurden ihr von Seiten der Polizei-Einsatzgruppe bestätigt, dass die Beamt_innen weder aggressiv, noch martialisch waren.
Wie aber das Auftreten der Einsatzgruppe auf die Bewohner_innen wirkte, können diese wohl selbst am Besten bewerten. Dass die Beamt_innen sich selbst nicht als aggressiv wahrnehmen, ist wohl klar. Dass eine Einsatzgruppe auf traumatisierte Menschen per Definition aggressiv wirkt, sollte jedoch ebenso einleuchten. Wenn etwa um die 40 teilweise Uniformierte früh um 7 Uhr ein Haus umstellen und jede Tür kontrollieren, dann würde jede_r dies als Angriff wahrnehmen, egal wie freundlich die Beamt_innen vorgehen. Die Tatsache ist, dass ein solches Vorgehen Assoziationen bei den Flüchtlingen weckt. Dieser psychische Zustand der Asylsuchenden muss berücksichtigt werden. Er kann nicht einfach außer Acht gelassen werden, da jeder der dort lebenden Menschen eine Flucht hinter sich hat, deren Erlebnisse bis heute nicht verarbeitet sind. Die Einschätzung der Situation als normal und ruhig sollte deshalb nicht in den Augen der Polizei liegen, sondern bei den Betroffenen. Die Beamt_innen befinden sich in ihrem Arbeitsalltag und empfinden diesen natürlich nicht als unnormal, hektisch, martialisch oder gar aggressiv. Nur wenn dieser von der Alltags-Definition der Beamt_innen abweicht, erhält er einen solchen Stempel. Dass jedoch ein normaler Arbeitstag der Ermittlungsgruppe “Bohemia” auf Flüchtlinge durchaus irritierend wirkt und als Angriff gewertet wird, könnte mit ein wenig Verständnis nachempfunden werden.
Außerdem muss deutlich zurückgewiesen werden, dass der Einsatz nun nachvollziehbar sei. Dass ist er in seiner Verhältnismäßigkeit definitiv nicht. Warum mindestens 40 (!) Beamt_innen einem Verdachtsmoment nachgegangen sind, was sich scheinbar nicht einmal im Ansatz bestätigt hat, bleibt für uns offen. Außerdem kann wohl mit Recht bezweifelt werden, dass die Einsatzgruppe sich zu den Vorfällen geäußert hätte, wenn die Ereignisse nicht ihren Weg in die Zeitung gefunden hätten. Erst aufgrund der öffentlichen Bekanntmachung des Vorgehens entstand der Druck, welcher sie dazu veranlasste sich zu den Vorfällen zu äußern. Noch während des Einsatzes wurden keine weiteren Angaben dazu gemacht, warum ein solches Vorgehen notwendig sei. Zumindestens hatte keine_r der Betroffenen am Ende der Durchsuchung Informationen darüber.
Wir setzen unseren Interpretationshorizont hier nicht weit, sondern suchen das Gespräch mit den Betroffenen. Wenn diese uns mehrfach unabhängig voneinander die Ereignisse wie dargelegt schildern, dann vertrauen wir diesen. Und das werden wir auch weiterhin. Vielleicht würde der LVZ in dieser Hinsicht etwas mehr Nähe zu den Betroffenen nicht schaden und etwas mehr journalistisch-kritische Distanz zu den Behörden definitiv auch nicht!

PM Fragwürdiger Polizeieinsatz in Sammelunterkunft Thräna

Am Morgen des 28. März stürmen rund 40 Polizist_innen die Sammelunterkunft in Thräna, ohne Gründe für ihr Vorgehen zu nennen. Die Initiative gegen Isolation fordert eine Stellungnahme der Polizei zu dieser Aktion und verlangt eine Rechtfertigung für das teilweise harsche Auftreten.

Gegen 7 Uhr am Mittwoch Morgen stürmten etwa 40 Polizist_innen die Sammelunterkunft für Asylsuchende in Thräna. Das Auftreten wurde von den Bewohner_innen als latent aggressiv wahrgenommen, was unter anderem auch durch die Vermummung der Polizist_innen unterstrichen wurde. Ohne Rücksicht auf schlafende Kinder und Babys wurden die Bewohner_innen aus ihren Zimmern geklopft und zur Vorlage ihrer Ausweise gezwungen. Dort wo sich die Bewohner_innen nicht mehr in ihren Räumlichkeiten befanden, öffnete die Heimleitung die Tür. Bei mindestens einem Fall wurden Fotos vom Zimmer gemacht, die anschließend als Drohmittel gegen die Asylsuchende verwendet wurden. Die junge Frau hatte am Morgen gegen 5 Uhr ihr Zimmer verlassen, um in die Schule nach Leipzig zu fahren. Am Nachmittag wurde sie durch die Heimleitung informiert, dass ihre Privaträume fotografiert wurden und diese Fotos an das Sozialamt weitergeschickt wurden. Man unterstellte ihr, sie würde sich nicht an die durch die “Hausordnung” festgelegten Hygienevorschriften halten und wird nun mit Sanktionen seitens des Sozialamts rechnen müssen.
Die Grundlage für ein solches Vorgehen ist absolut unklar. Nicht nur, dass die Privatsphäre von Menschen einfach ignoriert wurde, ohne dafür einen Grund gegenüber den Geschädigten anzugeben. Nein, weiterhin wurde auch absolut unsensibel auf die Situation der Flüchtlinge reagiert. Dadurch dass viele der Bewohner_innen traumatisiert sind durch Verfolgung, Misshandlung und Flucht, führt eine solche Situation automatisch zum Auslösen einer Assoziationskette, deren Folgen offen sind. Die unsichere Situation, die tagtäglich an den Nerven der Asylsuchenden rüttelt, wird durch ein solch unüberlegtes und grundlos aggressives Auftreten nur verschlimmert. Es liegt auf der Hand, dass ein Erlebnis wie dieses Erinnerungen an das Hinter-Sich-Geglaubte wach werden lässt. Wir fordern eine Rechtfertigung für dieses Vorgehen. Wir fordern, dass die Polizei offen darüber spricht, warum ein derart martialisches Auftreten gewählt wird.
Doch scheint sich dieses Erlebnis nur in die allgemein unmenschliche Behandlung der Flüchtlinge einzureihen. Exemplarisch dafür steht der Streik, zu dem sich zwei Bewohner_innen am selben Tag entschlossen, um nicht länger unter diesen Bedingungen leben zu müssen. Das Pärchen wurde bei seiner Ankunft im Männerhaus untergebracht und nicht wie üblich bei Frauen im Familienhaus. Deshalb zogen sie kurzerhand aus ihrem von Kakerlaken befallenen Zimmer aus und wohnten auf dem Vorplatz. Ihre Forderung nach einer Verlegung wurde vorher mehrfach ignoriert. Erst nachdem sie zwei Stunden lang im Freien ausharrten, wurde ihnen eine Ausweichmöglichkeit im Familienhaus angeboten.
Der 28. März zeigte nur zu deutlich, in welcher Situation sich in Asylbewerber_innen im Landkreis Leipzig befinden. Von den Behörden unter Generalverdacht gestellt werden sie wie Kriminelle behandelt. Traumatische Erlebnisse oder psychische Belastungen werden ignoriert und klein-geredet, eine Analyse der Problemlage findet nicht statt. Gleichzeitig werden sie als Exkludierte behandelt, deren Lebensumstände egal sind und um die sich nur gekümmert wird, wenn es sich absolut nicht mehr vermeiden lässt.

„In Deutschland sind wir keine Menschen. Hier sind wir Tiere.“

Zusammen mit ihrer Tochter teilt sich die 30 jährige Gülnar* aus Mazedonien ein kleines Zimmer in einem Asylsuchendenheim im Landkreis Leipzig.
„Vor ca. 2 Jahren sind wir nach Deutschland gekommen. Ich hatte viele Probleme in meinem Land. Mein Mann war drogenabhängig. Er hat mich und meine Tochter bei jedem kleinsten Fehler verprügelt und behandelte mich wie eine Sklavin. Zu meiner Familie konnte ich nicht fliehen. Sie hatten einen anderen Mann für mich vorgesehen und akzeptierten meine Tochter nicht, da sie das Blut meines Mannes in sich trägt. Ständig hatte ich Angst sie würden mich oder meine Tochter vergiften. Ich hatte Angst, eines Tages nach Hause zu kommen und meine Tochter tot aufzufinden. Das Baby einer Verwandten haben sie im Gefrierfach getötet, da sie der Mutter unterstellt haben, Ehebruch begangen zu haben. Mein Opa tötete vor vielen Jahren seine Frau, meine geliebte Oma, da sie auch ihr unterstellten ihren Mann betrogen zu haben. Ehrenmorde gab es reichlich in meiner Familie, so war meine Angst davor, dass mir und meiner Tochter das gleiche passiert nicht unbegründet. Ich bin eine türkischstämmige Muslima, so bekam ich weder Sozialhilfe noch andere staatliche Unterstützung in Mazedonien. In Deutschland sagen sie mir, ich würde lügen. Sie sagen, die Türken bekämen die gleichen Hilfen wie alle anderen.
Da ich weder lesen noch schreiben kann, war es mir unmöglich selbstständig in Mazedonien zu leben. Nach der Trennung von meinem Mann flüchtete ich vorerst zu meinem Onkel und meiner Tante. Dort wurde ich von meinem Onkel vergewaltigt . Er drohte mir damit meiner Familie zu erzählen, dass ich den Sex gewollt hätte, wenn ich jemanden etwas davon erzähle. Meine Familie hätte den Erzählungen meines Onkels geglaubt, da ich in ihren Augen sowieso schon immer die Hure war. Aus Angst vor meinem Vater und meinem Mann, der mir nach unserer Trennung immer wieder drohte mich umzubringen, entschloss ich mich mit meiner Tochter nach Deutschland zu fliehen. Was anderes blieb mir nicht übrig … .“
Verängstigt sitzt die 30 Jährige in ihrem Zimmer und zeigt ihre Narben am Kopf und Körper. Unter Tränen erzählt sie, wie die Narben auf ihren Körper gekommen sind. Dabei muss sie ihre Erzählungen oft unterbrechen, da die Ereignisse, über die sie noch nie gesprochen hat, auf einmal in klaren Bildern vor ihrem Auge erscheinen.
„Beim Bundesamt konnte ich nicht über die Vergewaltigung reden, da meine Tochter mit mir war. Auch über die Morddrohungen konnte ich nicht ausführlich berichten. Ich wollte meiner Tochter nicht noch mehr Angst machen. So waren meine Asylgründe anscheinend nicht ausreichend und mein Asylantrag wurde abgelehnt. Jetzt lebe ich mit einer Duldung in Deutschland. Mit jedem Tag stirbt ein kleines bisschen mehr Hoffnung in mir – sie war mein einziger Begleiter auf dem Weg nach Deutschland und nun verliere ich sie mehr und mehr …“
Als ihre 10 jährige Tochter Yasin* das Zimmer betritt, unterbricht Gülnar ihre Erzählungen und zwingt sich ein Lächeln ins Gesicht. Nach einem kurzem Wortwechsel auf türkisch verlässt Yasin das Zimmer.
„Meine Tochter ist jetzt 10 Jahre alt. Ständig hat sie Kopfschmerzen und kann nicht schlafen. Als sie klein war schmiss mein Mann sie immer durch das ganze Zimmer wenn sie weinte und dabei stieß sie sich den Kopf an der Wand auf. Das wird sicher der Grund sein, warum sie heute unter Kopfschmerzen leidet. Sie erinnert sich an alles was passiert ist. Sie hat viele schreckliche Dinge gesehen, die jede Nacht in ihren Träumen erscheinen. Hier in Deutschland müssen wir uns ein Zimmer teilen. Ständig muss meine Tochter ansehen wie ich verzweifelt und verängstigt im Zimmer sitze und weine. Das macht sie krank. An Tagen wo es mir besonders schlecht geht, geht es auch meiner Tochter schlecht. Oft müssen wir den Krankenwagen rufen da sie durch die Kopfschmerzen unter Schwindel und Übelkeit leidet und Doppelbilder sieht. Die Ärzte sagen sie sei gesund und die Kopfschmerzen psychisch bedingt. So besuchte meine Tochter für drei Monate eine kinderpsychiatrische Tagesklinik. Die Ärzte dort sagten zu mir, meine Tochter würde die Beschwerden nur vortäuschen um einen Aufenthalt in Deutschland zu bekommen.
Aber das stimmt nicht. Das Leben hier im Asylheim macht uns krank. Wir hatten ein kleines Zimmer direkt neben der Küche. Die Leute kochen bis spät in die Nacht und unterhalten sich laut. Meine Tochter kann nie schlafen und muss früh aufstehen um in die Schule zu gehen. Ihre Hausaufgaben macht sie auf dem Boden da wir hier keinen Schreibtisch haben. Das ganze Heim ist dreckig und voller Kakerlaken. Die Heimleitung sagt, wir seien selbst Schuld an diesem Befall da wir nicht ordentlich putzen. Putzen ist hier aber meine einzige Beschäftigung. Ich darf nicht arbeiten und nicht zur Schule. Den ganzen Tag sitze ich auf meinem Sofa und starre die Wand an. Geld um in die Stadt zu fahren habe ich nicht. Wir bekommen 40,90€ Taschengeld im Monat. Dieses Geld brauche ich aber um den Bus zu bezahlen, um Arzt- oder Behördentermine wahrnehmen zu können. Meine Tochter erzählt jeden Tag von den Kindern aus ihrer Schule. Diese gehen mit ihren Eltern am Wochenende schwimmen, ins Kino, auf den Spielplatz oder zu Freunden. Ich kann dies meiner Tochter nicht ermöglichen. Das Asylheim befindet sich in einem kleinen Dorf. Um in die Stadt zu kommen müssen wir immer mit dem Bus fahren. Das kann ich mir nicht leisten. In Deutschland leben wir am Rande der Gesellschaft. Das wir hier nicht erwünscht sind, lässt man uns jeden Tag spüren. Wir leben in verschmutzten und von Ungeziefer befallenen Unterkünften und einkaufen müssen wir mit Gutscheinen. Dabei gucken uns die deutschen Leute an wie wilde Tiere. Als Teil von ihnen werden wir sicher nie gesehen.
Dass man uns hier nicht mit offenen Armen empfängt, konnte ich mir denken, aber dass man Menschen mit einer solchen Willkür das Leben erschwert, hätte ich nie gedacht.
Viele Leute sagen, wir kämen nur des Geldes wegen nach Deutschland. Die Leute, die ich hier im Asylheim treffe, sind kaputt. Sie sind geprägt von ihrer Flucht, den Zuständen in ihrem Land und die deutschen Behörden sagen, es gäbe keinen Asylgrund. Dabei wollen doch alle nur eins, die Vergangenheit verarbeiten und in eine sichere Zukunft blicken.
In Mazedonien habe ich keine Zukunft. Der einzige Grund warum ich noch lebe ist meine Tochter. Ihr Leben steht noch am Anfang, meines wurde schon vor langer Zeit zerstört.“

Mit gesenktem Blick spielt Gülnar nervös mit ihren Händen: „ Ich dachte hier in Deutschland hat der Horror endlich ein Ende. Aber die Leute hier im Heim sind genauso wie meine Familie. In einem anderen Asylbewerberheim im Landkreis lernte ich eine Frau kennen, die aus der gleiche Stadt in Mazedonien kommt wie ich. Diese Frau wurde abgeschoben und erzählte meiner Familie später ich sei eine Schlampe in Deutschland und würde mit jedem Mann schlafen. Dies ist gelogen.
Eines Tages telefonierte ich mit meiner Mutter. Unter Tränen sagte sie zu mir, ich solle nie wieder zurück kommen. Meine Familie würde mich sofort umbringen.
Seit diesem Tag habe ich noch mehr Angst jemals wieder zurück in mein Land zu müssen. Diese Angst bereitet mir schlaflose Nächte. Manchmal wache ich auf und sehe meinen Mann vor mir stehen. Die Ärzte sagen ich hätte Depressionen und Angststörungen.“

Gülnar geht zu einem Schrank und öffnet eine Schublade voller Tabletten: „Das sind Tabletten die mir helfen sollen. Ich nehme sie, aber helfen tut keine. Reden wollen die Ärzte mit mir nicht. Sie sagen eine Therapie ohne Dolmetscher wäre sinnlos. So verschreiben sie mir jedes mal neue Tabletten, die mich von meinem Leid befreien sollen. Meine wirklichen Problemen, Gefühle und Gedanken interessieren sie nicht.
Die Ärzte meiner Tochter sagten, wir sollen einen Antrag auf eine eigene Wohnung stellen um zur Ruhe zu kommen. Die Zustände im Heim seien nicht länger tragbar für uns. Den Antrag gab ich im Sommer 2011 ab. Danach wurden wir zu einer Untersuchung im Gesundheitsamt geladen. Nach einem fünf minütigen Gespräch über unsere gesundheitlichen Probleme und die Gründe, warum wir eine eigene Wohnung benötigten, signalisierten uns die Ärzte, dass sie unseren Erzählungen keinen Glauben schenkten und unser Antrag sicher negativ entschieden wird.
Danach kam meine Tochter für drei Monate in die Tagesklinik und im Februar diesen Jahres wurde unser Antrag dann doch positiv entschieden bewilligt.
Ich weiß nicht was die Zukunft bringt. Wenn ich daran denke bekomme ich Angst. Hier in Deutschland habe ich keinen sicheren Aufenthalt und die Angst vor einer Abschiebung begleitet mich jeden Tag. Aber vielleicht bringt uns die Wohnung die Ruhe, die wir dringend benötigen, um das Erlebte zu vergessen… .“

*Namen geändert