„In Deutschland sind wir keine Menschen. Hier sind wir Tiere.“

Zusammen mit ihrer Tochter teilt sich die 30 jährige Gülnar* aus Mazedonien ein kleines Zimmer in einem Asylsuchendenheim im Landkreis Leipzig.
„Vor ca. 2 Jahren sind wir nach Deutschland gekommen. Ich hatte viele Probleme in meinem Land. Mein Mann war drogenabhängig. Er hat mich und meine Tochter bei jedem kleinsten Fehler verprügelt und behandelte mich wie eine Sklavin. Zu meiner Familie konnte ich nicht fliehen. Sie hatten einen anderen Mann für mich vorgesehen und akzeptierten meine Tochter nicht, da sie das Blut meines Mannes in sich trägt. Ständig hatte ich Angst sie würden mich oder meine Tochter vergiften. Ich hatte Angst, eines Tages nach Hause zu kommen und meine Tochter tot aufzufinden. Das Baby einer Verwandten haben sie im Gefrierfach getötet, da sie der Mutter unterstellt haben, Ehebruch begangen zu haben. Mein Opa tötete vor vielen Jahren seine Frau, meine geliebte Oma, da sie auch ihr unterstellten ihren Mann betrogen zu haben. Ehrenmorde gab es reichlich in meiner Familie, so war meine Angst davor, dass mir und meiner Tochter das gleiche passiert nicht unbegründet. Ich bin eine türkischstämmige Muslima, so bekam ich weder Sozialhilfe noch andere staatliche Unterstützung in Mazedonien. In Deutschland sagen sie mir, ich würde lügen. Sie sagen, die Türken bekämen die gleichen Hilfen wie alle anderen.
Da ich weder lesen noch schreiben kann, war es mir unmöglich selbstständig in Mazedonien zu leben. Nach der Trennung von meinem Mann flüchtete ich vorerst zu meinem Onkel und meiner Tante. Dort wurde ich von meinem Onkel vergewaltigt . Er drohte mir damit meiner Familie zu erzählen, dass ich den Sex gewollt hätte, wenn ich jemanden etwas davon erzähle. Meine Familie hätte den Erzählungen meines Onkels geglaubt, da ich in ihren Augen sowieso schon immer die Hure war. Aus Angst vor meinem Vater und meinem Mann, der mir nach unserer Trennung immer wieder drohte mich umzubringen, entschloss ich mich mit meiner Tochter nach Deutschland zu fliehen. Was anderes blieb mir nicht übrig … .“
Verängstigt sitzt die 30 Jährige in ihrem Zimmer und zeigt ihre Narben am Kopf und Körper. Unter Tränen erzählt sie, wie die Narben auf ihren Körper gekommen sind. Dabei muss sie ihre Erzählungen oft unterbrechen, da die Ereignisse, über die sie noch nie gesprochen hat, auf einmal in klaren Bildern vor ihrem Auge erscheinen.
„Beim Bundesamt konnte ich nicht über die Vergewaltigung reden, da meine Tochter mit mir war. Auch über die Morddrohungen konnte ich nicht ausführlich berichten. Ich wollte meiner Tochter nicht noch mehr Angst machen. So waren meine Asylgründe anscheinend nicht ausreichend und mein Asylantrag wurde abgelehnt. Jetzt lebe ich mit einer Duldung in Deutschland. Mit jedem Tag stirbt ein kleines bisschen mehr Hoffnung in mir – sie war mein einziger Begleiter auf dem Weg nach Deutschland und nun verliere ich sie mehr und mehr …“
Als ihre 10 jährige Tochter Yasin* das Zimmer betritt, unterbricht Gülnar ihre Erzählungen und zwingt sich ein Lächeln ins Gesicht. Nach einem kurzem Wortwechsel auf türkisch verlässt Yasin das Zimmer.
„Meine Tochter ist jetzt 10 Jahre alt. Ständig hat sie Kopfschmerzen und kann nicht schlafen. Als sie klein war schmiss mein Mann sie immer durch das ganze Zimmer wenn sie weinte und dabei stieß sie sich den Kopf an der Wand auf. Das wird sicher der Grund sein, warum sie heute unter Kopfschmerzen leidet. Sie erinnert sich an alles was passiert ist. Sie hat viele schreckliche Dinge gesehen, die jede Nacht in ihren Träumen erscheinen. Hier in Deutschland müssen wir uns ein Zimmer teilen. Ständig muss meine Tochter ansehen wie ich verzweifelt und verängstigt im Zimmer sitze und weine. Das macht sie krank. An Tagen wo es mir besonders schlecht geht, geht es auch meiner Tochter schlecht. Oft müssen wir den Krankenwagen rufen da sie durch die Kopfschmerzen unter Schwindel und Übelkeit leidet und Doppelbilder sieht. Die Ärzte sagen sie sei gesund und die Kopfschmerzen psychisch bedingt. So besuchte meine Tochter für drei Monate eine kinderpsychiatrische Tagesklinik. Die Ärzte dort sagten zu mir, meine Tochter würde die Beschwerden nur vortäuschen um einen Aufenthalt in Deutschland zu bekommen.
Aber das stimmt nicht. Das Leben hier im Asylheim macht uns krank. Wir hatten ein kleines Zimmer direkt neben der Küche. Die Leute kochen bis spät in die Nacht und unterhalten sich laut. Meine Tochter kann nie schlafen und muss früh aufstehen um in die Schule zu gehen. Ihre Hausaufgaben macht sie auf dem Boden da wir hier keinen Schreibtisch haben. Das ganze Heim ist dreckig und voller Kakerlaken. Die Heimleitung sagt, wir seien selbst Schuld an diesem Befall da wir nicht ordentlich putzen. Putzen ist hier aber meine einzige Beschäftigung. Ich darf nicht arbeiten und nicht zur Schule. Den ganzen Tag sitze ich auf meinem Sofa und starre die Wand an. Geld um in die Stadt zu fahren habe ich nicht. Wir bekommen 40,90€ Taschengeld im Monat. Dieses Geld brauche ich aber um den Bus zu bezahlen, um Arzt- oder Behördentermine wahrnehmen zu können. Meine Tochter erzählt jeden Tag von den Kindern aus ihrer Schule. Diese gehen mit ihren Eltern am Wochenende schwimmen, ins Kino, auf den Spielplatz oder zu Freunden. Ich kann dies meiner Tochter nicht ermöglichen. Das Asylheim befindet sich in einem kleinen Dorf. Um in die Stadt zu kommen müssen wir immer mit dem Bus fahren. Das kann ich mir nicht leisten. In Deutschland leben wir am Rande der Gesellschaft. Das wir hier nicht erwünscht sind, lässt man uns jeden Tag spüren. Wir leben in verschmutzten und von Ungeziefer befallenen Unterkünften und einkaufen müssen wir mit Gutscheinen. Dabei gucken uns die deutschen Leute an wie wilde Tiere. Als Teil von ihnen werden wir sicher nie gesehen.
Dass man uns hier nicht mit offenen Armen empfängt, konnte ich mir denken, aber dass man Menschen mit einer solchen Willkür das Leben erschwert, hätte ich nie gedacht.
Viele Leute sagen, wir kämen nur des Geldes wegen nach Deutschland. Die Leute, die ich hier im Asylheim treffe, sind kaputt. Sie sind geprägt von ihrer Flucht, den Zuständen in ihrem Land und die deutschen Behörden sagen, es gäbe keinen Asylgrund. Dabei wollen doch alle nur eins, die Vergangenheit verarbeiten und in eine sichere Zukunft blicken.
In Mazedonien habe ich keine Zukunft. Der einzige Grund warum ich noch lebe ist meine Tochter. Ihr Leben steht noch am Anfang, meines wurde schon vor langer Zeit zerstört.“

Mit gesenktem Blick spielt Gülnar nervös mit ihren Händen: „ Ich dachte hier in Deutschland hat der Horror endlich ein Ende. Aber die Leute hier im Heim sind genauso wie meine Familie. In einem anderen Asylbewerberheim im Landkreis lernte ich eine Frau kennen, die aus der gleiche Stadt in Mazedonien kommt wie ich. Diese Frau wurde abgeschoben und erzählte meiner Familie später ich sei eine Schlampe in Deutschland und würde mit jedem Mann schlafen. Dies ist gelogen.
Eines Tages telefonierte ich mit meiner Mutter. Unter Tränen sagte sie zu mir, ich solle nie wieder zurück kommen. Meine Familie würde mich sofort umbringen.
Seit diesem Tag habe ich noch mehr Angst jemals wieder zurück in mein Land zu müssen. Diese Angst bereitet mir schlaflose Nächte. Manchmal wache ich auf und sehe meinen Mann vor mir stehen. Die Ärzte sagen ich hätte Depressionen und Angststörungen.“

Gülnar geht zu einem Schrank und öffnet eine Schublade voller Tabletten: „Das sind Tabletten die mir helfen sollen. Ich nehme sie, aber helfen tut keine. Reden wollen die Ärzte mit mir nicht. Sie sagen eine Therapie ohne Dolmetscher wäre sinnlos. So verschreiben sie mir jedes mal neue Tabletten, die mich von meinem Leid befreien sollen. Meine wirklichen Problemen, Gefühle und Gedanken interessieren sie nicht.
Die Ärzte meiner Tochter sagten, wir sollen einen Antrag auf eine eigene Wohnung stellen um zur Ruhe zu kommen. Die Zustände im Heim seien nicht länger tragbar für uns. Den Antrag gab ich im Sommer 2011 ab. Danach wurden wir zu einer Untersuchung im Gesundheitsamt geladen. Nach einem fünf minütigen Gespräch über unsere gesundheitlichen Probleme und die Gründe, warum wir eine eigene Wohnung benötigten, signalisierten uns die Ärzte, dass sie unseren Erzählungen keinen Glauben schenkten und unser Antrag sicher negativ entschieden wird.
Danach kam meine Tochter für drei Monate in die Tagesklinik und im Februar diesen Jahres wurde unser Antrag dann doch positiv entschieden bewilligt.
Ich weiß nicht was die Zukunft bringt. Wenn ich daran denke bekomme ich Angst. Hier in Deutschland habe ich keinen sicheren Aufenthalt und die Angst vor einer Abschiebung begleitet mich jeden Tag. Aber vielleicht bringt uns die Wohnung die Ruhe, die wir dringend benötigen, um das Erlebte zu vergessen… .“

*Namen geändert