Archiv der Kategorie 'Landkreis Leipzig'

Reaktion auf LVZ-Artikel vom 31.03.

Am 31.03. berichtete die LVZ, dass der Polizeieinsatz in der Sammelunterkunft für Asylbewerber_innen in Thräna am 28.03. keineswegs “fragwürdig” sei. Außerdem wurden ihr von Seiten der Polizei-Einsatzgruppe bestätigt, dass die Beamt_innen weder aggressiv, noch martialisch waren.
Wie aber das Auftreten der Einsatzgruppe auf die Bewohner_innen wirkte, können diese wohl selbst am Besten bewerten. Dass die Beamt_innen sich selbst nicht als aggressiv wahrnehmen, ist wohl klar. Dass eine Einsatzgruppe auf traumatisierte Menschen per Definition aggressiv wirkt, sollte jedoch ebenso einleuchten. Wenn etwa um die 40 teilweise Uniformierte früh um 7 Uhr ein Haus umstellen und jede Tür kontrollieren, dann würde jede_r dies als Angriff wahrnehmen, egal wie freundlich die Beamt_innen vorgehen. Die Tatsache ist, dass ein solches Vorgehen Assoziationen bei den Flüchtlingen weckt. Dieser psychische Zustand der Asylsuchenden muss berücksichtigt werden. Er kann nicht einfach außer Acht gelassen werden, da jeder der dort lebenden Menschen eine Flucht hinter sich hat, deren Erlebnisse bis heute nicht verarbeitet sind. Die Einschätzung der Situation als normal und ruhig sollte deshalb nicht in den Augen der Polizei liegen, sondern bei den Betroffenen. Die Beamt_innen befinden sich in ihrem Arbeitsalltag und empfinden diesen natürlich nicht als unnormal, hektisch, martialisch oder gar aggressiv. Nur wenn dieser von der Alltags-Definition der Beamt_innen abweicht, erhält er einen solchen Stempel. Dass jedoch ein normaler Arbeitstag der Ermittlungsgruppe “Bohemia” auf Flüchtlinge durchaus irritierend wirkt und als Angriff gewertet wird, könnte mit ein wenig Verständnis nachempfunden werden.
Außerdem muss deutlich zurückgewiesen werden, dass der Einsatz nun nachvollziehbar sei. Dass ist er in seiner Verhältnismäßigkeit definitiv nicht. Warum mindestens 40 (!) Beamt_innen einem Verdachtsmoment nachgegangen sind, was sich scheinbar nicht einmal im Ansatz bestätigt hat, bleibt für uns offen. Außerdem kann wohl mit Recht bezweifelt werden, dass die Einsatzgruppe sich zu den Vorfällen geäußert hätte, wenn die Ereignisse nicht ihren Weg in die Zeitung gefunden hätten. Erst aufgrund der öffentlichen Bekanntmachung des Vorgehens entstand der Druck, welcher sie dazu veranlasste sich zu den Vorfällen zu äußern. Noch während des Einsatzes wurden keine weiteren Angaben dazu gemacht, warum ein solches Vorgehen notwendig sei. Zumindestens hatte keine_r der Betroffenen am Ende der Durchsuchung Informationen darüber.
Wir setzen unseren Interpretationshorizont hier nicht weit, sondern suchen das Gespräch mit den Betroffenen. Wenn diese uns mehrfach unabhängig voneinander die Ereignisse wie dargelegt schildern, dann vertrauen wir diesen. Und das werden wir auch weiterhin. Vielleicht würde der LVZ in dieser Hinsicht etwas mehr Nähe zu den Betroffenen nicht schaden und etwas mehr journalistisch-kritische Distanz zu den Behörden definitiv auch nicht!

PM Fragwürdiger Polizeieinsatz in Sammelunterkunft Thräna

Am Morgen des 28. März stürmen rund 40 Polizist_innen die Sammelunterkunft in Thräna, ohne Gründe für ihr Vorgehen zu nennen. Die Initiative gegen Isolation fordert eine Stellungnahme der Polizei zu dieser Aktion und verlangt eine Rechtfertigung für das teilweise harsche Auftreten.

Gegen 7 Uhr am Mittwoch Morgen stürmten etwa 40 Polizist_innen die Sammelunterkunft für Asylsuchende in Thräna. Das Auftreten wurde von den Bewohner_innen als latent aggressiv wahrgenommen, was unter anderem auch durch die Vermummung der Polizist_innen unterstrichen wurde. Ohne Rücksicht auf schlafende Kinder und Babys wurden die Bewohner_innen aus ihren Zimmern geklopft und zur Vorlage ihrer Ausweise gezwungen. Dort wo sich die Bewohner_innen nicht mehr in ihren Räumlichkeiten befanden, öffnete die Heimleitung die Tür. Bei mindestens einem Fall wurden Fotos vom Zimmer gemacht, die anschließend als Drohmittel gegen die Asylsuchende verwendet wurden. Die junge Frau hatte am Morgen gegen 5 Uhr ihr Zimmer verlassen, um in die Schule nach Leipzig zu fahren. Am Nachmittag wurde sie durch die Heimleitung informiert, dass ihre Privaträume fotografiert wurden und diese Fotos an das Sozialamt weitergeschickt wurden. Man unterstellte ihr, sie würde sich nicht an die durch die “Hausordnung” festgelegten Hygienevorschriften halten und wird nun mit Sanktionen seitens des Sozialamts rechnen müssen.
Die Grundlage für ein solches Vorgehen ist absolut unklar. Nicht nur, dass die Privatsphäre von Menschen einfach ignoriert wurde, ohne dafür einen Grund gegenüber den Geschädigten anzugeben. Nein, weiterhin wurde auch absolut unsensibel auf die Situation der Flüchtlinge reagiert. Dadurch dass viele der Bewohner_innen traumatisiert sind durch Verfolgung, Misshandlung und Flucht, führt eine solche Situation automatisch zum Auslösen einer Assoziationskette, deren Folgen offen sind. Die unsichere Situation, die tagtäglich an den Nerven der Asylsuchenden rüttelt, wird durch ein solch unüberlegtes und grundlos aggressives Auftreten nur verschlimmert. Es liegt auf der Hand, dass ein Erlebnis wie dieses Erinnerungen an das Hinter-Sich-Geglaubte wach werden lässt. Wir fordern eine Rechtfertigung für dieses Vorgehen. Wir fordern, dass die Polizei offen darüber spricht, warum ein derart martialisches Auftreten gewählt wird.
Doch scheint sich dieses Erlebnis nur in die allgemein unmenschliche Behandlung der Flüchtlinge einzureihen. Exemplarisch dafür steht der Streik, zu dem sich zwei Bewohner_innen am selben Tag entschlossen, um nicht länger unter diesen Bedingungen leben zu müssen. Das Pärchen wurde bei seiner Ankunft im Männerhaus untergebracht und nicht wie üblich bei Frauen im Familienhaus. Deshalb zogen sie kurzerhand aus ihrem von Kakerlaken befallenen Zimmer aus und wohnten auf dem Vorplatz. Ihre Forderung nach einer Verlegung wurde vorher mehrfach ignoriert. Erst nachdem sie zwei Stunden lang im Freien ausharrten, wurde ihnen eine Ausweichmöglichkeit im Familienhaus angeboten.
Der 28. März zeigte nur zu deutlich, in welcher Situation sich in Asylbewerber_innen im Landkreis Leipzig befinden. Von den Behörden unter Generalverdacht gestellt werden sie wie Kriminelle behandelt. Traumatische Erlebnisse oder psychische Belastungen werden ignoriert und klein-geredet, eine Analyse der Problemlage findet nicht statt. Gleichzeitig werden sie als Exkludierte behandelt, deren Lebensumstände egal sind und um die sich nur gekümmert wird, wenn es sich absolut nicht mehr vermeiden lässt.

„In Deutschland sind wir keine Menschen. Hier sind wir Tiere.“

Zusammen mit ihrer Tochter teilt sich die 30 jährige Gülnar* aus Mazedonien ein kleines Zimmer in einem Asylsuchendenheim im Landkreis Leipzig.
„Vor ca. 2 Jahren sind wir nach Deutschland gekommen. Ich hatte viele Probleme in meinem Land. Mein Mann war drogenabhängig. Er hat mich und meine Tochter bei jedem kleinsten Fehler verprügelt und behandelte mich wie eine Sklavin. Zu meiner Familie konnte ich nicht fliehen. Sie hatten einen anderen Mann für mich vorgesehen und akzeptierten meine Tochter nicht, da sie das Blut meines Mannes in sich trägt. Ständig hatte ich Angst sie würden mich oder meine Tochter vergiften. Ich hatte Angst, eines Tages nach Hause zu kommen und meine Tochter tot aufzufinden. Das Baby einer Verwandten haben sie im Gefrierfach getötet, da sie der Mutter unterstellt haben, Ehebruch begangen zu haben. Mein Opa tötete vor vielen Jahren seine Frau, meine geliebte Oma, da sie auch ihr unterstellten ihren Mann betrogen zu haben. Ehrenmorde gab es reichlich in meiner Familie, so war meine Angst davor, dass mir und meiner Tochter das gleiche passiert nicht unbegründet. Ich bin eine türkischstämmige Muslima, so bekam ich weder Sozialhilfe noch andere staatliche Unterstützung in Mazedonien. In Deutschland sagen sie mir, ich würde lügen. Sie sagen, die Türken bekämen die gleichen Hilfen wie alle anderen.
Da ich weder lesen noch schreiben kann, war es mir unmöglich selbstständig in Mazedonien zu leben. Nach der Trennung von meinem Mann flüchtete ich vorerst zu meinem Onkel und meiner Tante. Dort wurde ich von meinem Onkel vergewaltigt . Er drohte mir damit meiner Familie zu erzählen, dass ich den Sex gewollt hätte, wenn ich jemanden etwas davon erzähle. Meine Familie hätte den Erzählungen meines Onkels geglaubt, da ich in ihren Augen sowieso schon immer die Hure war. Aus Angst vor meinem Vater und meinem Mann, der mir nach unserer Trennung immer wieder drohte mich umzubringen, entschloss ich mich mit meiner Tochter nach Deutschland zu fliehen. Was anderes blieb mir nicht übrig … .“
Verängstigt sitzt die 30 Jährige in ihrem Zimmer und zeigt ihre Narben am Kopf und Körper. Unter Tränen erzählt sie, wie die Narben auf ihren Körper gekommen sind. Dabei muss sie ihre Erzählungen oft unterbrechen, da die Ereignisse, über die sie noch nie gesprochen hat, auf einmal in klaren Bildern vor ihrem Auge erscheinen.
„Beim Bundesamt konnte ich nicht über die Vergewaltigung reden, da meine Tochter mit mir war. Auch über die Morddrohungen konnte ich nicht ausführlich berichten. Ich wollte meiner Tochter nicht noch mehr Angst machen. So waren meine Asylgründe anscheinend nicht ausreichend und mein Asylantrag wurde abgelehnt. Jetzt lebe ich mit einer Duldung in Deutschland. Mit jedem Tag stirbt ein kleines bisschen mehr Hoffnung in mir – sie war mein einziger Begleiter auf dem Weg nach Deutschland und nun verliere ich sie mehr und mehr …“
Als ihre 10 jährige Tochter Yasin* das Zimmer betritt, unterbricht Gülnar ihre Erzählungen und zwingt sich ein Lächeln ins Gesicht. Nach einem kurzem Wortwechsel auf türkisch verlässt Yasin das Zimmer.
„Meine Tochter ist jetzt 10 Jahre alt. Ständig hat sie Kopfschmerzen und kann nicht schlafen. Als sie klein war schmiss mein Mann sie immer durch das ganze Zimmer wenn sie weinte und dabei stieß sie sich den Kopf an der Wand auf. Das wird sicher der Grund sein, warum sie heute unter Kopfschmerzen leidet. Sie erinnert sich an alles was passiert ist. Sie hat viele schreckliche Dinge gesehen, die jede Nacht in ihren Träumen erscheinen. Hier in Deutschland müssen wir uns ein Zimmer teilen. Ständig muss meine Tochter ansehen wie ich verzweifelt und verängstigt im Zimmer sitze und weine. Das macht sie krank. An Tagen wo es mir besonders schlecht geht, geht es auch meiner Tochter schlecht. Oft müssen wir den Krankenwagen rufen da sie durch die Kopfschmerzen unter Schwindel und Übelkeit leidet und Doppelbilder sieht. Die Ärzte sagen sie sei gesund und die Kopfschmerzen psychisch bedingt. So besuchte meine Tochter für drei Monate eine kinderpsychiatrische Tagesklinik. Die Ärzte dort sagten zu mir, meine Tochter würde die Beschwerden nur vortäuschen um einen Aufenthalt in Deutschland zu bekommen.
Aber das stimmt nicht. Das Leben hier im Asylheim macht uns krank. Wir hatten ein kleines Zimmer direkt neben der Küche. Die Leute kochen bis spät in die Nacht und unterhalten sich laut. Meine Tochter kann nie schlafen und muss früh aufstehen um in die Schule zu gehen. Ihre Hausaufgaben macht sie auf dem Boden da wir hier keinen Schreibtisch haben. Das ganze Heim ist dreckig und voller Kakerlaken. Die Heimleitung sagt, wir seien selbst Schuld an diesem Befall da wir nicht ordentlich putzen. Putzen ist hier aber meine einzige Beschäftigung. Ich darf nicht arbeiten und nicht zur Schule. Den ganzen Tag sitze ich auf meinem Sofa und starre die Wand an. Geld um in die Stadt zu fahren habe ich nicht. Wir bekommen 40,90€ Taschengeld im Monat. Dieses Geld brauche ich aber um den Bus zu bezahlen, um Arzt- oder Behördentermine wahrnehmen zu können. Meine Tochter erzählt jeden Tag von den Kindern aus ihrer Schule. Diese gehen mit ihren Eltern am Wochenende schwimmen, ins Kino, auf den Spielplatz oder zu Freunden. Ich kann dies meiner Tochter nicht ermöglichen. Das Asylheim befindet sich in einem kleinen Dorf. Um in die Stadt zu kommen müssen wir immer mit dem Bus fahren. Das kann ich mir nicht leisten. In Deutschland leben wir am Rande der Gesellschaft. Das wir hier nicht erwünscht sind, lässt man uns jeden Tag spüren. Wir leben in verschmutzten und von Ungeziefer befallenen Unterkünften und einkaufen müssen wir mit Gutscheinen. Dabei gucken uns die deutschen Leute an wie wilde Tiere. Als Teil von ihnen werden wir sicher nie gesehen.
Dass man uns hier nicht mit offenen Armen empfängt, konnte ich mir denken, aber dass man Menschen mit einer solchen Willkür das Leben erschwert, hätte ich nie gedacht.
Viele Leute sagen, wir kämen nur des Geldes wegen nach Deutschland. Die Leute, die ich hier im Asylheim treffe, sind kaputt. Sie sind geprägt von ihrer Flucht, den Zuständen in ihrem Land und die deutschen Behörden sagen, es gäbe keinen Asylgrund. Dabei wollen doch alle nur eins, die Vergangenheit verarbeiten und in eine sichere Zukunft blicken.
In Mazedonien habe ich keine Zukunft. Der einzige Grund warum ich noch lebe ist meine Tochter. Ihr Leben steht noch am Anfang, meines wurde schon vor langer Zeit zerstört.“

Mit gesenktem Blick spielt Gülnar nervös mit ihren Händen: „ Ich dachte hier in Deutschland hat der Horror endlich ein Ende. Aber die Leute hier im Heim sind genauso wie meine Familie. In einem anderen Asylbewerberheim im Landkreis lernte ich eine Frau kennen, die aus der gleiche Stadt in Mazedonien kommt wie ich. Diese Frau wurde abgeschoben und erzählte meiner Familie später ich sei eine Schlampe in Deutschland und würde mit jedem Mann schlafen. Dies ist gelogen.
Eines Tages telefonierte ich mit meiner Mutter. Unter Tränen sagte sie zu mir, ich solle nie wieder zurück kommen. Meine Familie würde mich sofort umbringen.
Seit diesem Tag habe ich noch mehr Angst jemals wieder zurück in mein Land zu müssen. Diese Angst bereitet mir schlaflose Nächte. Manchmal wache ich auf und sehe meinen Mann vor mir stehen. Die Ärzte sagen ich hätte Depressionen und Angststörungen.“

Gülnar geht zu einem Schrank und öffnet eine Schublade voller Tabletten: „Das sind Tabletten die mir helfen sollen. Ich nehme sie, aber helfen tut keine. Reden wollen die Ärzte mit mir nicht. Sie sagen eine Therapie ohne Dolmetscher wäre sinnlos. So verschreiben sie mir jedes mal neue Tabletten, die mich von meinem Leid befreien sollen. Meine wirklichen Problemen, Gefühle und Gedanken interessieren sie nicht.
Die Ärzte meiner Tochter sagten, wir sollen einen Antrag auf eine eigene Wohnung stellen um zur Ruhe zu kommen. Die Zustände im Heim seien nicht länger tragbar für uns. Den Antrag gab ich im Sommer 2011 ab. Danach wurden wir zu einer Untersuchung im Gesundheitsamt geladen. Nach einem fünf minütigen Gespräch über unsere gesundheitlichen Probleme und die Gründe, warum wir eine eigene Wohnung benötigten, signalisierten uns die Ärzte, dass sie unseren Erzählungen keinen Glauben schenkten und unser Antrag sicher negativ entschieden wird.
Danach kam meine Tochter für drei Monate in die Tagesklinik und im Februar diesen Jahres wurde unser Antrag dann doch positiv entschieden bewilligt.
Ich weiß nicht was die Zukunft bringt. Wenn ich daran denke bekomme ich Angst. Hier in Deutschland habe ich keinen sicheren Aufenthalt und die Angst vor einer Abschiebung begleitet mich jeden Tag. Aber vielleicht bringt uns die Wohnung die Ruhe, die wir dringend benötigen, um das Erlebte zu vergessen… .“

*Namen geändert

Nachträgliche Betrachtungen zum Heim-TÜV

Sammelunterkünfte im Landkreis erfüllen nicht Mindestanforderungen

Am 9. Dezember 2011 wurde der so genannte Heim-Tüv vom Sächsischen Ausländerbeauftragten Prof. Dr. Martin Gillo veröffentlicht, welcher die Unterbringungsbedingungen von asylsuchenden Menschen in Sachsen untersucht und bewertet. In einer eigenen Pressemitteilung behauptet Gillo hierzu: „Asylsuchende sind unsere Mitmenschen. Sie haben ein Recht auf soziale Inklusion in unserer Gesellschaft, so lange sie bei uns leben. Sie sollten die Gelegenheit bekommen, sich als Menschen in unsere Gesellschaft einzubringen, ob als Eltern in der Schule, als Mitglieder in Migrantenbeiräten, gemeinnützigen Vereinen oder anderen Aktivitäten. Das ist nichts Neues – das ist zum großen Teil schon gelebte Praxis.“

Diese Aussage ist eine Beschönigung, die betroffene Flüchtlinge wahrscheinlich nur als zynisch empfinden können, da von gelebter Praxis keinesfalls die Rede sein kann – In welchen Migrant_tinnenbeiräten beispielsweise sollen sich Asylsuchende einbringen? Im Landkreis Leipzig existiert noch nicht einmal diese Möglichkeit der Teilhabe. Oder wie sollen sie sich in gemeinnützigen Vereinen oder als Eltern in den Schulen ihrer Kinder betätigen, wenn sich ihr Lebensraum gezwungenermaßen am Rande der Gesellschaft befindet? Sie müssten für jede dieser Aktivitäten mehrere Euro Fahrtgeld einplanen, welche von den 40 €, die lediglich als monatliches “Taschengeld” zur Verfügung stehen, abgezogen werden müssten.
Somit schneiden alle vier “Heime” aus dem Landkreis Leipzig – Bahren, Hopfgarten, Thräna und Elbisbach – mit äußerst negativen Bewertungen ab und befinden sich von allen dreißig getesteten Sammelunterkünften unter den zehn Schlechtesten. Zurecht, wenn man bedenkt, unter welch unzumutbaren Bedingungen Menschen hier untergebracht sind. In Hopfgarten beispielsweise müssen Asylsuchende in einem alten umgebauten Pferdestall leben. Außerdem befinden sich alle vier Unterkünfte wie bereits angemerkt vollkommen isoliert von größeren Städten, was eine gesellschaftliche Einbindung und Mitwirkung, wie es Herr Gillo fordert, fast unmöglich macht. Das Recht auf soziale Inklusion bleibt den Flüchtlingen folglich verwehrt, solange ihnen keinerlei Mitbestimmungsrecht sowie Möglichkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen zugesprochen wird, denn dort, wo Inklusion als sozialpolitisches Konzept funktionieren soll, müssen separierende Einrichtungen, wie eben Sammelunterkünfte für Asylbewerber_innen, abgeschafft werden. Doch davon ist der Landkreis Leipzig noch weit entfernt.

Im Heim-TÜV wird außerdem mehrmals der Faktor Betreuung in Form von qualifizierter Sozialarbeit angesprochen. Doch auch danach sucht man im Landkreis vergeblich, obwohl dieser Punkt überaus wichtig ist – Allein um den Asylsuchenden nach ihrer Ankunft in Deutschland beratend zur Seite zu stehen und sie während ihres Asylverfahrens zu unterstützen, aber auch um sie bei psychischen Krisen und Traumata, welche bei den Biografien der Flüchtlinge keine Seltenheit sind, aufzufangen und zu stützen.

Des weiteren ist fraglich, inwieweit ein Sächsischer Ausländerbeauftragter, der sich jeweils lediglich einen halben Tag dafür Zeit nimmt, sich mit den Flüchtlingen und deren Lebenswelten auseinander zu setzen, eine gerechte Bewertung dessen zustande bringen soll. Vielmehr ist es vor allem hier wichtig, die Flüchtlinge noch viel mehr mit einzubeziehen, sie darüber sprechen zu lassen, wie es ist, in einer sächsischen Sammelunterkunft für Asylbewerber_innen leben zu müssen und ihnen zuzuhören, wenn sie darüber berichten wie es ist, ein Flüchtling in Deutschland zu sein mit so vielen unmenschlichen und diskriminierenden Rahmenbedingungen, die krank machen – Nicht nur körperlich, sondern vor allem psychisch. Und aus diesen Gesprächen heraus müssen schließlich klare Handlungskonzepte entwickelt werden.
Doch letztlich bleibt auch unsicher, wie es nun mit den Ergebnissen des Heim-TÜV weitergeht. Zwar enthielt dieser auch Verbesserungsvorschläge für jede Sammelunterkunft, aber wer stellt überhaupt sicher, ob sich anschließend auch etwas zum Vorteil für die Flüchtlinge ändert? Für die Leitenden Personen bedeutet das schließlich einen finanziellen Aufwand, den viele nicht gewillt sind, zu erbringen. Hierzu kann neben Protest von Flüchtlingen und Unterstützer_innen auch öffentlicher und zivilgesellschaftlicher Druck hilfreich sein, damit gezeigt werden kann, dass es Menschen nicht egal ist, unter welchen Bedingungen Asylsuchende in Deutschland leben müssen.

PM Sammelunterkünfte im Landkreis erfüllen nicht Mindestanforderungen

Die vier Sammelunterkünfte aus dem Landkreis Leipzig erhalten beim Heim-TÜV äußerst schlechte Bewertungen. Die neu gegründete „Initiative gegen Isolation“ äußert sich zu den Ergebnissen.

Am 9. Dezember wurde der so genannte Heim-TÜV vom Sächsischen Ausländerbeauftragten Prof. Dr. Martin Gillo veröffentlicht, welcher die Unterbringungsbedingungen von asylsuchenden Menschen in Sachsen darstellt. In einer eigenen Pressemitteilung behauptet Gillo hierzu: „Asylsuchende sind unsere Mitmenschen. Sie haben ein Recht auf soziale Inklusion in unserer Gesellschaft, so lange sie bei uns leben. Sie sollten die Gelegenheit bekommen, sich als Menschen in unsere Gesellschaft einzubringen, ob als Eltern in der Schule, als Mitglieder in Migrantenbeiräten, gemeinnützigen Vereinen oder anderen Aktivitäten. Das ist nichts Neues – das ist zum großen Teil schon gelebte Praxis.“ Diesbezüglich äußert sich die neu gegründete „Initiative gegen Isolation“ jedoch kritisch.
Denn von gelebter Praxis kann in den Gemeinschaftsunterkünften leider viel zu oft gar nicht die Rede sein. So schneiden zum Beispiel alle vier Heime aus dem Landkreis Leipzig – Bahren, Hopfgarten, Thräna und Elbisbach – mit äußerst negativen Bewertungen ab und befinden sich von allen dreißig getesteten Sammelunterkünften unter den zehn Schlechtesten. Zu Recht, wenn man bedenkt, unter welch unzumutbaren Bedingungen Menschen hier untergebracht sind. Das Heim in Hopfgarten beispielsweise ist ein alter umgebauter Pferdestall, in de m nun Asylsuchende leben müssen. Außerdem befinden sich alle vier Unterkünfte vollkommen isoliert von größeren Städten, was eine gesellschaftliche Einbindung und Mitwirkung, wie es Herr Gillo fordert, fast unmöglich macht. Auch eine erforderliche Betreuung in Form von qualifizierter Sozialarbeit, die in dem Heim-TÜV mehrmals angesprochen wird, sucht man im Landkreis vergeblich. Diese wäre allerdings überaus wichtig, allein um die Asylsuchenden während ihres Asylverfahrens zu unterstützen und ihnen zur Seite zu stehen. Der Heim-TÜV gibt des Weiteren Anregungen für konkrete Verbesserungen in den Sammelunterkünften. „Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Heimleiter diese Vorschläge auch annehmen.“, äußert sich die „Initiative gegen Isolation“ hierzu. „Das ist das Mindeste, was zur Verbesserung der Lebenssituation der Asylsuchenden getan werden muss. Ganz zu schweigen von dem deutschen Asylsystem generell, welches sich anmaßt darüber zu urteilen, ob die Gründe, warum ein Mensch aus seinem Heimatland flieht, legitim sind oder nicht, um diese danach mit ruhigem Gewissen wieder dahin abzuschieben, wo ihnen Verfolgung oder sogar Mord droht.“ Die „Initiative gegen Isolation“ befindet sich derzeit noch in ihrer Gründungsphase und versteht sich als offener Zusammenschluss von Menschen, die die Lage der Asylsuchenden im Landkreis Leipzig verbessern wollen. Unter igi.blogsport.de erhält man weitere Informationen zur Arbeit der Initiative.